Storys Wanderungen Wiehengebirge Dezember 2009

PostHeaderIcon Wiehengebirge Dezember 2009

Fünf Uhr morgens klingelt der Wecker, draußen ist es stockfinster und der Regen peitscht gegen die Balkontür. Vielleicht denkt ihr jetzt, ich hätte mir die Bettdecke über den Kopf ziehen und den Tag am besten verschlafen sollen, aber Janik und ich hatten uns um 09:30 Uhr am Osnabrücker Rathaus verabredet. Nun, wieso stehe ich dann um fünf Uhr auf? Es sind schließlich noch knappe 300 km Autofahrt, welche ich noch zurücklegen muss bis ich am vereinbarten Ort sein sollte. Nach einem Kaffee und dem Verladen der Ausrüstung geht's auf die Autobahn. Das Wetter verschlimmert sich von Kilometer zu Kilometer. Das Thermometer zeigt 6 Grad an. Der Scheibenwischer ist hochaktiv und schafft es gerade den Regen bei Seite zu schieben, so dass ich überhaupt etwas sehe. Etwas verspätet komme ich in Osnabrück an.

 

Es ist der 10.12.2009, 09:45 Uhr. Wir haben ein straffes Programm und wandern nördlich Richtung Wiehengebirge. Da ich dummerweise vergaß eine Karte einzustecken, nutzten wir den Kompass und unser Gespür, wobei nur das erste wohl richtig funkionierte. Wir "irrten" etwas zu weit nord-östlich und schlugen erst um 15 Uhr auf den Wittekindsweg auf. Den Weg, den wir eigentlich gehen wollten, aber da die Markierung am Osnabrücker Rathaus fehlte und wir keine Karte hatten, wanderten wir eben nur per Kompass. Die Nacht bricht um diese Jahreszeit schneller herein als man meint. Zu Hause schaltet man das Licht ein und macht einfach weiter; im Wald ist es um 16 Uhr dunkel und bleibt es bis morgens 08:30 Uhr auch. Nur die kleinen LEDs in unseren Lampen spenden einen kleinen Lichtkegel, damit man sieht wohin man tritt, wenn man mal muss.

 

Janik mit Ausrüstung

 

Der Sebastian mit Ausrüstung

 

Der erste Tag: Nass und windig, das Gesicht stets dem Wetter ausgesetzt. So macht es nicht unbedingt Freude. Geredet wurde kaum, erst abends in den Zelten konnte man sich entspannt über das Geschehene austauschen.

 

 

 

Der 2. Tag ist immer der schlimmste. Wieso? Am ersten Tag ist man motiviert und voller Elan, die Vorfreude geht über in die Realität. Am 2. Tag holt diese einen dann ein, man wirft sich vor, man habe zu schnell angefangen, nicht genug trainiert, man schimpft über Blasen, nicht oft genug gewechselte Socken, man schimpft auf die Ausrüstung (die ja eh immer Schuld ist). Später am Abend, nach weiteren 25 km, wenn man langsam zur Ruhe kommt und sich ein Süppchen kocht, ist es umso herrlicher. Man bewundert sich selbst, die Tagesleistung, man trinkt sich bei einem Tee Kraft an um weiterzulaufen und so schläft man meist schon sehr schnell ein von der Erschöpfung des 2. Tages - voller Zufriedenheit.

 

Am dritten Tag läuft alles wie ein geölter Motor, man hat sich an die Strapazen gewöhnt. Man geht lockerer, man trabt so vor sich hin, man empfindet es nicht mehr als Belastung, sondern als Urlaub, trotz 20 kg Gepäck auf dem Rücken. Das Wetter im Wiehengebirge bessert sich...oder anders gesagt, es hat aufgehört zu regnen, dafür ist es kälter geworden. Der Gefrierpunkt ist erreicht. Tagsüber esse ich Datteln um mich mit Zucker zu versorgen, Janik meint, Datteln wären Sand mit Zucker. Geschmäcker sind halt verschieden. Er lässt sich lieber mit dem in seinem MRE (amerikanisches EPA) enthaltenen Zubehör überraschen. Heute hat er Glück, M&Ms. Es bleibt keine Zeit für längere Pausen. Um 11 Uhr können wir erst losgehen, die Ausrüstung ordentlich verpacken, halbwegs trocken vor allem. Dann ein kleines Frühstück. Die restliche Zeit bis maximal 16 Uhr wird durchmarschiert. An diesem Tag versuchen wir unser Glück an einer kleinen Schutzhütte. Sie ist zugig und zu klein für 2 Mann. So werden wir nicht glücklich, sagen wir uns und wandern nach 15 Minuten des stillen Überlegens weiter bis zur nächsten Hütte, auch wenn wir im Dunkeln aufbauen müssen. Vier Kilometer weiter - ein Lichtblick (obwohl es dunkel wird). Eine "2 Sterne Deluxe Hütte", so wie wir sie tauften. Ein Schloss, ein Hotel für unsere Verhältnisse. Winddicht, wasserdicht und groß genug um die Zelte zu trocknen. Allerdings diese Nacht Doppelzimmer (beide Schlafsäcke liegen direkt nebeneinander). Da haben wir schon Einzelzimmer gebucht, aber nun gut. Luxus ist eben was man draus macht. Trotzdem muss man auch hier in der Kategorie Bad/Dusche Abstriche machen, nur kalt Wasser und kein Shampoo. Schweinerei. Hier muss der VOX-Hoteltester noch mal ordentlich recherchieren. Scherz beiseite, es ist verwunderlich, dass man sich mit so wenig beglücken kann!

 

Der Innenraum war riesig, so dass die Zelte getrocknet werden konnten.

Am nächsten morgen ist es nochmal kälter geworden. Wir kommen nur recht langsam voran, der Matsch bremst, man muss ständig das Gelände ausgleichen, das verlangsamt ungemein. Am 4. Tag merke ich nochmal die Leistungssteigerung, alle Wehwehchen sind weg, man läuft wie eine Maschine. Wir einigen uns darauf, bis zur Dünner Schutzhütte zu laufen um dort die letzte Nacht zu verbringen, am nächsten morgen solle dann jeder seinen Weg weitergehen. (Übersichtskarte, dort wo sich der Weg gabelt, ganz rechts auf der Karte). Wir gehen vorbei an den Saurierspuren in Barkhausen, lassen Neue Mühle hinter uns, dran vorbei am Nonnenstein und schaffen es bis zur Hütte, dort schlagen wir erneut unsere Zelte auf. Es ist sehr windig, die Kälte gräbt sich ins Gesicht. Es schneit sogar ein bischen. Im Zelt ist es schön kuschelig, ganz besonders eng. Isomatte, Rucksack, Schlafsack, Klamotten, Kocher und Essen teilen sich den Platz von 1,5 Quadratmetern. Vernünftig sitzen ist zumindest in meinem Zelt nicht gegeben bei einer Höhe von 70 cm. Die nassen Sachen müssen mit Körperwärme getrocknet werden. Dies geschieht am besten indem man die nassen über die trockne aus dem Rucksack überzieht. Nasse Socken kommen lose in den Schlafsack rein, diese trocknen dann über Nacht.

Am nächsten morgen der erste Blick aus dem Zelt ist: Es ist kalt! Jetzt raus aus dem Schlafsack? Nenenene... oder doch? Alles ist übergefroren, außer alles was im Zelt ist, logisch. Die Körperwärme und die Windstille halten das Innere des Zeltes relativ warm. Zumindest über 0 Grad. Aber diese Informationen nutzten uns nix, wir mussten schließlich noch weiter. Also Schlafsack aufmachen und rein in die Klamotten! Hose, Socken, T-Shirt, Fleecepullover, Fleecejacke und Regenjacke drüber, dann Schuhe und schließlich doch noch die Regenhose, dann warm laufen, so weit das geht. Einem wird schnell warm, wenn man erst den Kocher anstellt um sich einen Kaffee zu kochen, gleichzeitig die Ausrüstung verpackt. Wenn alles verpackt ist, kann man seinen Kaffee zur Belohnung trinken. Ein ständiger Kreislauf. Hier im Wald hat man andere Probleme als zu Hause, hier verschwendet man keine Gedanken an die Vollkasko-Versicherung, Stromrechnung, Busabfahrtzeiten, hier geht es um DAS Leben, so wie es vielleicht sein sollte. Aber vielleicht kann man das nur verstehen, weil man gerade nach so einer Tour wieder in genau diesen Alltag zurückkehren kann. Wir sind Aussteiger auf Zeit.

Mein Zelt (das vordere) stand schön im kalten Wind und so durfte ich morgens "kratzen". Aber auch bei diesem Wetter immer die  Lüfter öffnen vom Zelt, sonst hat man sogar drinnen Eis - vom Kondenswasser der Stinkesocken ;)

Aussteiger auf Zeit am Ende ihrer Reise.

Noch einen gemeinsamen Kaffee und dann trennten sich unsere Wege. Wir wissen nicht mehr genau ob wir auf diese Reise getrunken haben oder schon auf die nächste, aber auf jeden Fall war es nicht die Letzte :) Noch ein bischen Statistik: Ingesamt waren wir 4 Tage und 3 Nächte draußen, wir verbrauchten zusammen in der Zeit ca. 20.000 kcal. Janik entschied am Ende der Tour sich den selben Rucksack wie ich zu kaufen. Ein genauer Testsieger unserer 2 Zelte stellte sich nicht heraus, da beide ihre Vor-und Nachteile hatten. Ich entschied mich zum Kauf einer besseren Regenhose, kein Tschibo mehr, nie wieder! Versprochen!


Also dann bis zur nächsten Tour.

Janik & Sebastian

Zufallsbild
norwegen_20101121_1004930857.jpg
Kalender
Februar 2012
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 31 1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 1 2 3 4